Texte

Aus den „Mitteilungen an die Theodor-Storm-Gesellschaft“ (2010)

Tobias Saabel
Zu dem Bild „Gartenspuk“ von Siri Pasina

Das Bild zeigt den mysteriösen Knaben, wie er dem in die Abenddämmerung davonschwirrenden Marienkäfer nachblickt. Im Fliederstrauch sitzen die beiden zerstrittenen Sperlinge, der eine guckt nach rechts, der andere schmollend nach links. Erdbeeren ranken sich im linken Vordergrund; ebenso zu erkennen sind Linde, Esche und Birnbaum. – Aber irgendetwas stimmt nicht: ein Baum ist im Frühlingskleid, der andere mit Herbstlaub zu sehen; irgendwie scheinen die Größenverhältnisse falsch zu sein, und – wenn man ganz genau hinsieht – auch die Perspektive. Die Linde wurzelt weit hinten, verdeckt aber vorne die Esche. Hinter dem Knie des Knaben verschwindet ein übergroßes Blatt des jungen Eichleins, das aber doch vor ihm steht. Alles schwankt…
In diesem Gedicht, das – wie von Storm selbst angemerkt (1) – keines seiner gelungensten, aber vielleicht gerade infolge der verbliebenen Schwächen eines der durchsichtigsten ist, tritt hinter der Maske des lyrischen Ichs die Person des Dichters äußerst deutlich hervor. Der mysteriöse Knabe scheint hier eine Art Doppelgänger des Sprechenden, der sich in der Gestalt des Kindes selbst vors Auge tritt. In der Tat wurde Storm zu der Knabengestalt durch seinen Sohn Hans inspiriert, in dessen anfälliger Konstitution er eine gefährliche Steigerung seiner eigenen Nervenschwäche erkannte. Eine spukhafte, sowohl verwirrende als auch liebenswerte Erscheinung wird mit Erinnerungen an die persönliche Geschichte des Dichters verflochten (die Auswanderung nach Heiligenstadt, die sich in dem Verkauf des Gartens an „Fremde“ spiegelt), und zwar, wie Storm mit Bezug auf dieses Gedicht an L. Pietsch schrieb, mit dem Ziel der „Dämonisierung dieser Garteneinsamkeit, welche die Mutter meiner meisten Produktionen ist“. Diese „Dämonisierung“ – eine virtuelle Verlebendigung – wird vor allem mittels eines genialen Kunstgriffs versucht: der zwar exakten, aber bewusst kaum nachvollziehbaren Häufung von Ortsbestimmungen. Ein Beispiel (Hervorhebungen von mir):
Ich aber, diesmal zu beschleichen es,
Ging leise durch den Hof und seitwärts dann
Im Schatten des Holunderzauns entlang,
Sorgsam die Schritte messend; einmal nur
Nach einer Erdbeerranke bückt‘ ich mich,
Die durch den Weg hinausgelaufen war.
Schon schlüpft‘ ich bei der Geißblattlaube durch;
Ein Schritt noch um‘s Gebüsch, so war ich dort
Welcher Leser kann mit seinem Vorstellungsvermögen diesem Irrweg noch folgen? Nach Immanuel Kant kann der Mensch sich die Zeit nur mit Hilfe des Raumes vergegenwärtigen (2), sie selbst ist unvorstellbar: nun gelingt es Storm durch das räumliche Labyrinth jenes überrealen Traumgartens – es ist der Garten der Erinnerung – die triste, von der mit der Knabenerscheinung verbundenen Verwirrung ausgelöste persönliche Spurensuche für den Leser direkt nachvollziehbar und tatsächlich spürbar zu gestalten. Der Leser selbst durchwandelt den Garten, wie der Knabe, ohne ihn zu berühren: der Garten des Gedichts verwandelt sich in einen eigenen, inneren Garten und Storm, in seiner Heiligenstädter „Verbannung“, schafft mittels der so dargestellten inneren Wirklichkeit einen wirklicheren Garten als je ein wirklicher gewesen ist.

Nun ist ein wenig klarer geworden, warum die Illustration eine bewusst falsche Perspektive und eine verkehrte Schichtung der Bildebenen verwendet. Was auf den ersten Blick eine ganz normale, idyllische Gartenszene scheint, wirkt beim näheren Hinsehen wie ein aus Unvereinbarem dennoch wundersam einheitlich zusammengesetztes Traum-, Rätsel- und Erinnerungsbild, nicht Abbild eines einzelnen Moments, sondern einer ganzen Geschichte im etymologischen Sinn des Wortes.
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1 zum biographischen Hintergrund dieses Gedichtes vgl. Peter Spycher, Geheimnisvolles in Storms Lyrik; in: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 24, Heide 1975, S. 24. Diesem Text ist auch das nachfolgende Briefzitat entnommen.
2 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft; in: ders., Werke in zwölf Bänden, Frankfurt am Main 1977, Bd. 3, S. 222 et passim.

Dr. Katrin Schäfer
Auszug aus der Eröffnungsrede am 3.11.2012 im Haus Peters

[…] das ist genau das, was Siri Pasina mit ihren Bildern macht: Sie erhellen den literarischen Text, erklären ihn bisweilen besser als es ein Literaturwissenschaftler könnte und „preisen“, also würdigen Autor und Text und dessen Werk.
Pasina hat noch nie einen Text komplett in Bilder umgesetzt – mit Ausnahme von Gedichten; sie greift eine Passage, eine Textstelle heraus, von der sie sich selbst angesprochen fühlt und von der sie meint, sie habe es verdient, nicht nur künstlerisch umgesetzt zu werden, sondern quasi „erleuchtet“ zu werden – in ihrer Umsetzung findet der Betrachter plötzlich interpretatorische Ansätze, auf die er beim reinen Lesen nie gekommen wäre.
Pasina eröffnet dem Leser einen neuen Zugang zum Text – über den Weg des Bildes.

Natürlich gibt es auch andere „Lesarten“ oder „Betrachtungsweisen“ ihrer Bilder. Man kann sie auch ohne den literarischen Hintergrund betrachten. Dann offenbart sich ihnen die Künstlerin selbst – mit ihrem unverwechselbaren Stil.
Pasina liebt die Farbe, bunt darf es sein – mal grell, mal aufdringlich, meist aber pastellartig, sanft und verspielt; Farben, die irgendwie unwirklich sind, so wie man manchmal Träume erlebt. Traumbilder eben – mal hyperrealistisch, mal seltsam verwischt und nicht greifbar.
Analog zu dieser phantastischen Farbenwelt begegnen wir in Pasinas Bildwelten auch immer wieder merkwürdigen Wesen, mythischen Gestalten, Zwitterwesen aus Mensch und Tier, symbolhaften Figuren, Fabelwesen und Dämonen… manches daran erinnert an die Wesen aus den Bildern des Niederländers Hieronymus Bosch.
Was sich dem Betrachter hier auftut, ist eine „verkehrte Welt“ – Pasina hält dem literarischen Text, der ihrem Bild zugrunde liegt, quasi den Spiegel vor – aber so etwas wie einen Zerrspiegel.

Denn der Betrachter kann die Bilder immer auch für sich – ohne literarische Vorkenntnisse – auf sich wirken lassen, er wird in Szenen hineingezogen, die traumhaft verrätselt wirken, nebulös, verschwommen, bisweilen surreal, als würde man in eine andere Welt hineingezogen, die Welt hinter dem Spiegel – denn es gibt nur selten Bilder, in denen man sofort – und ohne Vorkenntnis – das jeweilige literarische Vorbild erkennt.

Dafür ist der „Aha-Effekt“ um so größer, wenn man sich die Zeit nimmt, Textvorlage und Bild in Relation zueinander zu setzen. Dann fühlt man sich wie durch einen Sog direkt ins Geschehen hineingezogen und erinnert sich vielleicht selbst an Bilder im eigenen Kopf, die damals beim Lesen entstanden. Und man merkt plötzlich, dass jene Textstelle noch viel mehr an Deutung in sich trägt, als man für möglich hielt.
Das kommt auch daher, weil Pasina sich nicht damit begnügt, nur die jeweilige Textstelle umzusetzen, sondern immer auch die Anspielungen, biografischen Hintergründe und Verweise des Autors mit einbezieht.

So werden ihre Bilder zu intertextuellen Ge-Bilden. Intertextualität bezeichnet in der Literaturwissenschaft die Bezugnahme eines Textes auf andere Texte; der Autor spielt mit Anspielungen oder Zitaten und verweist damit auf ein Beziehungsgeflecht zwischen seinem Text und denen anderer Autoren.
„Textum“ oder „textus“ bedeutet auf lateinisch übrigens „Geflecht, Gewebe“.
Auch Siri Pasina schafft mit ihren Bildern ein Geflecht, das Literatur und Bildende Kunst virtuos miteinander verwebt. […]

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